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Facebook am Point-of-Sale?

Immer mehr Menschen tätigen ihre Käufe im Internet. Einzelhändler entwickeln dagegen unterschiedliche Strategien – mitunter setzen sie an ihren Verkaufsstätten auf digitale Technologien und dabei auch auf Facebook. Wir geben Beispiele.

Der Einzelhandel in der Krise
Dass immer mehr Menschen im Netz einkaufen gehen, ist kein Geheimnis. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Einkaufen dort ist bequemer, zumeist günstiger und man erhält umfangreichere Informationen. In Deutschland liegt das jährliche Wachstum im Online-Handel bei 13% und macht mittlerweile 10-15% aller Einzelhandelsverkäufe aus.

Smartphones verschärfen die problematische Situation des Einzelhandels. Ex-Kunden schauen zwar weiterhin in den Läden vorbei – testen die Produkte hier aber nur noch, um sie dann beim Verlassen des Ladens bei Amazon oder einem anderen Online-Händler des Vertrauens zu bestellen – na dann, ‚Vielen Dank für den Besuch‘. Eine Capgemini-Studie zeigt, dass immer mehr Käufer auf diese Weise einkaufen.

Doch der Handel reagiert. Er setzt am Point-of-Sale auf digitale Technologien, um Kunden zurückzugewinnen. Paul Marsden gibt in seinem neuen SYZYGY Whitepaper ‚Digital at POS. Reinventing Retail for the Connected Customer‚ (das Whitepaper ist kostenfrei als PDF verfügbar) Beispiele. Die Lösungen sind sehr unterschiedlich. Teilweise setzen sie auf die Vorteile des klassischen Vor-Ort-Einkaufs, nämlich Unmittelbarkeit, Service und das Einkaufserlebnis. Teilweise gehen sie auch die Vorteile des Online-Handels an und setzen darauf den Kunden im Laden mehr Informationen, eine höhere Bequemlichkeit und ein besseres Preis-Leistung-Verhältnis als früher zu bieten.

Welche Rolle kann Facebook dabei spielen?
Viele Unternehmen meinen, den Kunden den Einkauf im Laden auch durch den Vor-Ort-Einsatz sozialer Medien wieder schmackhafter zu machen. Folgend einige Beispiele für den Einsatz von Facebook:

  • Der dänische Schokoladenherrsteller Anthon Berg bot in seinem „Generous Store“ die Möglichkeit Schokolade für eine gute Tat zu erhalten – diese versprach man per Facebook-Beitrag direkt im Geschäft einfach seinen Freunden („Ich werde dein Auto putzen!“).
  • In Diesel-Stores gibt es die Möglichkeit sich über einen Spiegel im Umkleidebereich direkt seinen Freunden auf Facebook mitzuteilen.
  • C&A zeigt in Brasilien an Kleiderbügeln die Anzahl von „Likes“, die ein Kleidungsstück im Netz erhalten hat.
  • SNAP und andere Anbieter lassen Kunden beim Vor-Ort-Einkauf mit Treuekarte direkt an der Kasse auswählen, ob man den Einkauf online mit seinen Facebook- oder auch Twitter-Bekannten teilen möchte. Als Belohnung winken Rabatte.
  • Anbieter wie Prettydigits lassen Kunden an ‚Likescreens‘ direkt ein besuchtes Geschäft mögen. Interessanter sind aber Lösungen, die dem Kunden hierfür einen wirklichen Anreiz geben, bspw. Facebook-Konsolen, an denen man Fotos schießen kann, sich digitale Belohnungen verdienen oder einfach ‚Einchecken‘ kann. Das funktioniert gerade an touristisch interessanten Orten gut – man zeigt ja gerne wo man ist.

Wie erfolgsversprechend sind diese Strategien?
Über die Attraktivität dieser Angebote kann man diskutieren. Scheint bspw. die Vor-Ort-Belohnung von Facebook-Postings ein interessantes Rabatt-Modell zu sein, finde ich solche Angebote schon online fragwürdig. Dienste wie Pay-With-A-Tweet erzeugen Spam, Empfehlungen für noch nicht erworbene, bzw. gerade erworbene Produkte sind keine wirklichen Empfehlungen. Außerdem zahlt jeder Kunde einen anderen ‚Preis‘ für den Rabatt: Einer teilt die erzwungene Nachricht mit 1000 Facebook-Bekannten, einer teilt es nur mit den nicht-vorhandenen Lesern seines Fake-Twitter-Accounts.

Fragwürdig finde ich aber vor allem, ob man so aus Ex-Käufern wieder Käufer macht. Nehmen wir das Beispiel der C&A-Kleiderbügel. Diese sollen dem Kunden ja einen Anhaltspunkt dafür geben, wie beliebt ein Kleidungsstück X ist. Doch interessiert mich als Kunden die reine Zahl der Likes? Will der Käufer nicht positive/negative Bewertungen, um die Qualität der Ware besser einzuschätzen, bestenfalls sogar Kommentare oder Hinweise auf vergleichbare Produkte?

Der Einsatz von Social Media am Point-of-Sale kann durchaus Sinn machen. Letztendlich muss es aber darum gehen dem Kunden einen echten Mehrwert zu bieten. Schlüssel hierfür sind vor allem reichhaltigere Informationen und ein überzeugendes Einkaufserlebnis.

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Über Andreas Cirikovic

Andreas ist für verschiedene Social Media-Aktivitäten der SYZYGY Deutschland GmbH verantwortlich und beschäftigte sich während des Studiums intensiv mit dem Einfluss sozialer Netzwerke auf die amerikanische Gesellschaft. Inzwischen widmet er sich verstärkt der ökonomischen Perspektive des Social Web und untersucht welche kommerziellen Nutzungsmöglichkeiten es Unternehmen bietet. Er schreibt an seiner Doktorarbeit zum Thema Konsum & Medien und gibt Social Media-Kurse an Schulen. Sie können Andreas gerne über Facebook, Xing oder Google+ kontaktieren.

6 Gedanken zu „Facebook am Point-of-Sale?

  1. Olivera Wahl

    Dein Argument mit den reichhaltigen Infos teile ich auch. Ob mir ein Kleidungsstück gefällt oder nicht, sehe ich selbst. Die Anzahl der Likes finde ich nicht nützlich, es sei denn mich interessieren die beliebtesten Produkte, weil ich davon ausgehe, die sind schöner.

    Für das Geschäft kann das auch hilfreich sein. Sie können Kleidung mit vielen Likes ins Schaufenster hängen und erfahren, was wirklich ankommt. Geschäfte müssten sich dann nicht auf den Geschmack / Kompetenz der Mitarbeiter im Laden verlassen. Beliebte Online-Produkte könnte man auch näher am Eingang positionieren oder online abstimmen lassen, um besser einschätzen zu können, welche Produkt wie oft eingekauft werden sollten.
    Wenn ich shoppen gehe, sehe ich sehr selten etwas, das mir gefällt. Ich frage mich dann immer, ob es anderen Kunden auch so geht.

    Infos, die mich im Laden sehr interessieren würden, wäre echte Kundenbewertungen. Ob sich ein Kleidungsstück z.B. nach dem ersten Mal waschen verzieht oder ausleiert, sehe ich ihm nicht unbedingt an. Und das Geschäft könnte die Anzahl der unzufriedenen Kunden reduzieren. Es sei denn, minderwertige Kleidung gehört zum Programm, weil der Kunde dann gezwungenermaßen mehr kauft. Wobei eine solche Strategie meine Phantasie übersteigt. Wenn ich ein solches Kleidungsstück erwische, sinkt der Laden für mich in seinem Ansehen und ich werde ihn in Zukunft meiden.

    Was ich schon länger gerne in Geschäften nutze, sind Amazon-Bewertungen auf meinem Handy. Wenn ich offline einen neuen Toaster kaufen möchte, lese ich mir spätestens im Laden die Bewertungen durch und bekomme dadurch wertvolle Impulse.

  2. Henry

    Ich denke, es wird insgesamt auf eine engere und vor allem mehrwertbringende (für den Kunden) Verknüpfung zwischen Offlineverkauf und Online- bzw. Socialmedia gehen. Ob FB-Likes auf Kleiderbügeln jetzt unbedingt helfen, lasse ich mal dahingestellt. Aber ich denke, wir werden in den kommenden Monaten/ Jahren dort interessante Ansätze erleben :-)

  3. Hannes

    Auch ich halte die momentan schon praktizierten Maßnahmen bezüglich ihres Erfolgsfaktors für fragwürdig. Gleichwohl ist diese Thematik äußerst akutell, denn durch die Verquickung von online und offline Welt wird zwar zum einen eine interessante, ansprechende Mischung geschaffen, welche aber zum anderen neue Probleme und Fragestellungen aufwirft, die noch der Klärung bedürfen!
    Und all diese Folgefragen hängen wieder einmal mit dem Geschäftsmodell Social Media zusammen.
    Wen dieses Thema noch weiter interessiert, dem kann ich nur das For..Net-Symposium 2013 an der Uni Passau zum Thema „Social Media als Geschäftsmodell“ empfehlen! http://www.for-net.info/symposium-2013/

  4. Pingback: Social Media Auslese März 2013 | Online Marketing Agentur (Projecter GmbH)

  5. Pingback: Leseempfehlungen Social Media | Marketing in Communitys und Social Networks

  6. Hannes

    Die Vorteile, die Facebook am POS für Konsumenten und damit den Handel bringt schätze ich (derzeit) ebenfalls als gering ein. Eine Verbindung zu den Meinungen und Aktivitäten der Facebook-Freunde oder echten Kundenbewertungen ist ja nicht gegeben.

    Gerade aber das Beispiel von C&A mit den Likes am Kleiderhaken ist interessant sich näher anzusehen. Menschen richten sich immer an der Meinung und dem Verhalten von anderen Menschen aus. Sehe ich, dass besonders viele ein bestimmtes Kleidungsstück toll finden, so gefällt mir das dann auch gleich etwas besser.

    Das bedeutet für den Handel eine große Herausforderung, da es das Kundeninteresse auf weniger Artikel fokussiert (und das ohne die Reaktion vorher abschätzen zu können!), die dann zwangsläufig schneller vergriffen sind. Und das kann dann nach hinten losgehen. Außerdem bedeutet das ja nicht, dass ich als Händler dann auch mehr absetze, ich verkaufe „nur“ einen anderen Artikel.

    Ich bin sehr gespannt, wie die Entwicklung hier weitergeht.

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